Digital Independence Day

Zugegeben das Thema ist ja schon ein bisschen älter, aber das hält mich ja nicht davon ab dazu noch meine Meinung zu niederzuschreiben.

Die Idee wurde ja beim 39C3 von Marc-Uwe Kling und Linus Neumann präsentiert. Einmal im Monat, nämlich am ersten Sonntag, soll man sich die Zeit dafür nehmen kleine Änderungen bei sich vorzunehmen die einen unabhängiger von den großen Big Tech Konzernen machen. Die Idee hat nicht den Anspruch die Welt zu retten, oder komplette digitale Souveränität zu erreichen. Es ist einfach ein nettes Angebot sich doch mal etwas anderes anzuschauen und zu sehen ob man damit klar kommt. Ohne irgendeine Ideologie dahinter, ohne den moralischen Zeigefinger. Du kannst ohne einen Big Tech Dienst nicht leben? Macht nix, vielleicht versuchst du mal eine +1 Strategie zu fahren, zum Beispiel beim Messenger. Vielleicht kannste ja dann bald doch zum Beispiel ohne Whatsapp leben. Nur kein Druck, ist ein Angebot. Es werden dann auch noch Wechselrezepte geliefert, die klar auf die breite Masse zugeschnitten sind. Bieten diese Rezepte die reine Lehre? Absolut kein Big Tech und nur Biostrom gefütterte Server aus der Uckermark? Nein, muss aber auch nicht sein.

Und was wäre unsere Tech / Datenschutz Bubble wenn nicht direkt das gemecker und gezeter angefangen hätte. Wie hat es Enno Lenze mal ausgedrückt? Der Bundesverband der Berufsempörten stand schon bereit. Los ging es mit dem Wording di-day. Ja das dies eine große Ähnlichkeit zum D-Day hat fanden viele nicht gut. Geschichtsvergessen, digitaler Kolonialismus hat man da des öfteren gelesen. Gut es war vielleicht nicht der beste Begriff, aber wenn ich mir so anschaue was in den USA gerade abgeht erkennt man doch die Parallelen. Mit dem D-Day begann die Befreiung Deutschlands von der Nazi Herschafft, über 80 Jahre danach ist es wohl an der Zeit das wir uns von diesen faschistischen Tech-Bros aus dem Silicon Valley befreien.

Auch an den Wechsel Rezepten arbeiten sich seit dem viele Leute ab. Vor allem an dem Tipp statt Whatsapp, Signal zu nutzen. Buhhh: Signal kommt aus den USA, Buhhh Signal nutzt mit AWS einen US Hyperscaler. Alles doof baut lieber alles selbst mit Matrix oder XMPP. Wer solche Sachen fordert hat meiner Meinung nach die Intention nicht verstanden. Es geht unter anderem darum das möglichst viele Menschen mitzuziehen. Da funktioniert nur wenn die Hürden niedrig sind. Wir sehen es im Fediverse: die meisten User sind schon damit überfordert sich eine Instanz auszusuchen. Beim Messenger ist es nicht anders. Wenn ich die Leute schon überrede auf Whatsapp zu verzichten dann soll die Alternative einfach und kostenlos sein, Bonuspunkte gibt es wenn man nicht komplett alleine auf der Plattform ist. Für die meisten Leute heißt das App laden, kurzer Wizard mit Bestätigungscode und los chatten. Für den Initiator hat es den Vorteil: kein gesteigerter Support Aufwand weil zum Beispiel bei Matrix mal wieder die Verschlüsselung Amok gelaufen ist etc. Aber mancher steckt vielleicht so tief in seiner Tech affinen Bubble das man schon garnicht mehr weiss das manche Sachen die für unser normal sind, Oma Elli vielleicht total überfordern.

Das ganze geht dann weiter bei Chrome zu Firefox. Wie kann man das nur empfehlen. Auch eine US Stiftung, und dann machen die bald auch noch KI. Nehmt doch lieber Librefox etc. Ja guter Punkt aber hier ist auch wieder das Thema Support: ich würde mal behaupten das Firefox länger überlebt als Librefox (oder ein andere Firefox Fork). Die Gefahr das die Macher von einem Firefox Fork irgendwann die Lust verlieren ist wohl höher als bei der Mozilla Foundation. Und wenn die Mozilla Foundation vor die Wand fährt ist es mit den Forks auch nicht mehr weit her, denn so ein Browser ist verdammt komplex.

Und eigentlich ziehen sich solche Diskussionen durch alle Wechselrezepte, was ich schade finde. Denn oft denke ich das die Kritiker die Zielgruppe dabei aus den Augen verlieren. Die Zielgruppe sind kaum so Leute wie zum Beispiel: ich. Also die die schon Ihren eigenen Mailserver hosten und Schmerzen gewohnt sind, um Big Tech nicht mehr Daten in den Hals zu werfen als unbedingt nötig. Zielgruppe sind Leute die sich nicht täglich damit beschäftigen und auch erst einmal an das Thema herangeführt werden müssen.

Teilweise erinnern mich diese Diskussionen an „Das Leben des Brian“. Statt etwas zu tun diskutiert man erst einmal ellenlang herum um die 1000% Lösung zu finden mit der alle Nerds zufrieden sind. Ist man damit fertig ist der Zug schon abgefahren und die Lösung für niemanden außer einem kleinen Zirkel Privilegierter praktikabel.

Also lasst uns doch lieber erst einmal sehen das wir überhaupt was geschafft kriegen. Kleine Schritte machen, so wie auch die ursprüngliche Idee war. Wenn die Masse kleine Schritte macht ist der Sache mehr geholfen als wenn einige wenige zu 1000% Unabhängig sind.

Falls Ihr die Website noch nicht kennt: Infos zum Digital Independence Day finden ihr hier di.day

Björns Techblog
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Kommentare

      1. @bjoern @blog Weil das nur für neue Lösungen gilt. Bestehende Probleme werden erst abgelöst, wenn es eine Perfekte Alternative gibt.
        Falls nicht bleibt man gerne beim schlecht Traurig aber wahr.

  • @blog Danke für Deinen guten Text und auch Deine Meinung zu den Nörglern, die ich exakt so teile.

    Es nützt nichts, um im Brian-Bild zu bleiben, wenn sich die judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa gegenseitig bekriegen, sondern alle sollten an einem Strang – weg von BigTech – ziehen. Und das sollte so einfach wie irgendmöglich gestaltet werden.

    Gemeinsam sind wir stark und viele.
    Es wird BigTech weh tun und uns befreien.

    1. @dgr
      Es mag den einen oder anderen Berufsnörgler ja geben, aber m.E. geht es nicht um's Nörgeln, sondern um das Unwissen über die jeweiligen Ziele, die jemand bei einem Wechsel verfolgt und deswegen das eine oder andere Angebot empfiehlt.
      D.h. es gibt Menschen, die das Ziel verfolgen, Big Tech zu verlassen. Andere finden es für absolut wichtig Open Source Produkte zu verwenden und wieder andere, so wie ich, stellen den Datenschutz und die Datensicherheit an die 1. Stelle ihrer Prioritätenliste.
      Das hat m.E. auch Folgen für die jeweiligen Empfehlungen, die jemand tätigt.
      D.h. ist das Ziel Big Tech zu verlassen und/oder das Ziel zukünftig nur noch Open Source zu verwenden, dann ist die Empfehlung Firefox und Signal zu verwenden, nachvollziehbar und eine gute Alternative zu den Angeboten von Big Tech.
      Beim Ziel des Datenschutzes und der Datensicherheit sieht das schon ganz anders aus, denn diese beiden sind nicht gewährleistet, wenn der Sitz des Anbieters bzw. die Server des Anbieters sich in der USA befindet. Deswegen kommen dann im Wesentlichen die Anbieter aus den Ländern der EU und der Schweiz in Frage, vorausgesetzt die Server befinden sich ebenfalls in der EU bzw. in der Schweiz. Deswegen empfehle ich statt Firefox und Signal die Alternativen Vivaldi und ginlo2, die über den normalen Datenschutz hinaus noch mehr Datenschutz und Datensicherheit bieten.
      Sollte es auch noch andere vergleichbare Angebote geben, was ich nicht bezweifle, dann freue ich mich über die jeweiligen Hinweise darauf.

      Fazit:
      Wenn man weiß, wer welche Ziele bei einem Wechsel verfolgt, dann kann man sich das Nörgeln und die Diskussionen darüber ersparen.

      @blog

      1. @GrueneFriedrichstadtNF jap stimmt das ist alles richtig und wichtig. Aber zwei Punkte habe ich da noch anzumerken:
        1. Woher kommt immer der glaube das die Schweiz ein Ort mit besonders privatssphäre freundlicher Gesetzgebung wäre? Viele Gesetzesinitiativen der letzten Jahre haben wohl gezeigt das man dort auch auf einem ganz anderen Weg ist. Zumindest für Leute die nicht Millionenschwer sind und Ihr Geld dort verstecken wollen. Proton zieht dort schon Infrastruktur ab und die THreema Server stehen inzwischen wohl auch in Deutschland.
        2. Wenn man besonders auf Datenschutz setzt dann sollte man Vivaldi wohl doch nicht empfehlen da dort noch starke Verbindungen zu Google bestehen. Dies ist wohl seit Jahren bekannt war mir aber auch entgangen: https://c0d1.eu/vivaldi-datenschutzfreundlich-nein/
        @dgr @blog

        1. @bjoern
          Zunächst einmal herzlichen Dank für deine Hinweise, wobei sich mir zunächst die folgenden Fragen stellen: "Welche Infos bekommt Google tatsächlich – die von Vivaldi oder von mir? Und was ist, wenn ich keine Tools von Google nutze und deswegen auch keine Updates installiert werden müssen?"
          Über Antworten darauf, würde ich mich sehr freuen.

          @dgr @blog

          1. @GrueneFriedrichstadtNF einfach mal den von mir verlinkten Beitrag lesen, da wird das sehr schön erklärt. Auch das Vivaldi für jede Installationen einen eindeutigen Identifier erstellt. Ganz ehrlich, ich finde Vivaldi ein tolles Produkt, wenn man jedoch viel Wert darauf legt möglichst wenige informationen an Google zu senden dann sollte man etwas anderes einsetzen. @dgr @blog

          2. @bjoern
            Ich mal ganz einfach den von dir verlinkten Beitrag gelesen, wenn ich ehrlich bin, sogar zweimal. Dennoch haben sich mir die von mir oben gestellten Fragen gestellt. Offenbar hast du aber den Beitrag zu 100% nachvollziehen können und kannst deswegen auch meine Fragen beantworten, oder? Wenn ja, dann würde ich mich auch über deine Antworten sehr freuen.

            @dgr @blog

      2. Hi @GrueneFriedrichstadtNF
        wir liegen gar nicht weit auseinander.
        „…den einen oder anderen Nörgler ja geben“ Genau diese meinte ich.
        Auch ich finde die Perspektive der wechselwilligen Person als zentral.
        Sei es aus ökonomischen Gründen (Lizenzkosten), wegenDatenschutz (Meta), Souveränität (Googlecloud) oder LockedIn-Effeks (iCloud).
        In allen Fällen versuche ich einfach Ideen aufzuzeigen, die der Person weiterhelfen kann und biete Unterstützung an.

        @blog

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